
Sonntag, den 26. November 2006
Strahlender Londoner Dreifachstern
Vorschuss-Lorbeeren
sind eine heikle Angelegenheit. Dies war offensichtlich auch Tom Frinta von
der „Isis Concert Group“ bewusst, als er das London Piano Trio zu seinem
ersten – und ganz hoffentlich nicht letzten - Besuch in Deutschland im
Kreishaus begrüßte. Doch schon nach den ersten Takten des Brahms'schen
c-moll-Werkes erwies sich alle Zurückhaltung als unbegründet, hier erlebte
man Weltklasse. Eine solch' perfekte klangliche Geschlossenheit und Ästhetik
hatten wohl nicht alle der gut 300 Zuhörer erwartet, es war vom Feinsten.
Wollte man partout trotzdem herum “mäkeln” (“Hallo, ich hab' da was
gemerkt”), fiel höchstens auf, dass das Klavier mit der überragenden Olga
Dudnik anfangs leicht zu stark gegen die beiden phänomenal auf einander
eingespielten Streicher Robert Atchison (Violine) und Bozidar Vukotic
(Cello) wirkte. Aber jeder Vortragssaal hat seine Eigenheiten, mit denen
sich die Ensembles in der meist nur einzig möglichen Einspielprobe vertraut
machen müssen. Und dann verändert sich alles nochmals, wenn das Publikum die
Reihen füllt. Also lassen wir das und versuchen, den Genuss anzudeuten, den
das Spiel der 3 dargebotenen Werke hervorrief.
Mit dem “Opus 101”
erklang eine Musik aus Brahms' berühmtem Schaffens-Sommer am Thuner See. Er
hatte schon längst eine Reife erreicht, die Innigkeit, Größe,
Gedankenreichtum, Ausdruck und Form vollendet verband. Dies trifft für jeden
der vier Sätze zu und umspannt alle Welten von der Kraft des „Allegro
energico“ über die rasante Spritzigkeit des „Presto non assai“ zur Lyrik des
„Andante grazioso“ bis zum virtuosen „Allegro molto“ des Schlusses. Alles
vermochten die drei Künstler eindringlich zu vermitteln und ließen mit ihrer
technischen Souveränität keine Ablenkung aufkommen, wie das bei besonders
anspruchsvollen Werken schon mal leicht der Fall werden kann. Der oft
abgeklärt-schwermütigen Stimmungen des Brahms folgte das
romantisch-klangvolle Trio in D-Dur, op. 99, von Cecil Armstrong Gibbs (1889
– 1960). Diese bisher wenig bekannte Musik erinnert teilweise an die großen
Werke seines Landsmannes Elgar, bietet prächtige Einfälle und reichhaltige
Gestaltung aus einem Guss und macht großen Appetit nicht nur auf's
Wiederhören, sondern ebenso auf das weitere Schaffen des Komponisten. Im
Rahmen der Matinee bildete es eine würdige, ausgezeichnete Verbindung zum
dramaturgischen Höhepunkt, dem d-moll Trio, op. 49, von Mendelssohn. Mit
diesem, ähnlich dem großen “Brahms” leidenschaftlichen, aber durch und durch
heiteren Werk war ein Schluss gefunden, den man sich idealer und schöner
kaum hätte vorstellen können. So, wie diese vier mitreißenden Sätze in
ihrer phantastischen Gedankenfülle und der vollendeten Verarbeitung
erklangen, musste man einfach begeistert sein.
Es wäre verwunderlich,
wenn viele Besucher auf dem Heimweg und noch später nicht die “Macht der
Ohrwürmer” haben spüren müssen. Was die drei Künstler angeht, ist es
unmöglich, einen von Ihnen besonders hervorzuheben. Sie haben eine bis ins
letzte Detail überzeugende Teamleistung geboten. Stellvertretend für alles
wird nur erwähnt, wie traumhafte schön die verschiedenen Parallel-Passagen
zwischen Violine und Cello mit wundervollem Ton gelangen und wie perfekt die
rhythmische Abstimmung mit dem Klavier funktionierte. Das begeisterte
Publikum wurde nach dem starken Beifall noch mit einem Stück aus dem
kammermusikalischen Schaffen von C. A. Gibbs, „An old song“ belohnt.
Außerdem gibt es für alle ein Extra-Bonbon: Über die Homepage
http://Isis-Concert-Group.org/ der Isis Concert Group kann man sich
schon jetzt einen Stereo-Live-Mitschnitt des Konzerts anhören!
Dr. Wilfried Dankmeier